Montagmorgen. Lustlos schleppe ich mich in das Wartezimmer meines Hausarztes und mein Vater trottet langsam hinter mir her. Wenn man nicht wüsste, warum er mit dabei ist, könnte man meinen ich habe mich auf dem Weg zum Kinderarzt verlaufen. Leider ist dem aber nicht so. Nach eineinhalb Stunden macht mein Vater ein wenig Druck und somit bin ich die Nächste, die dran kommt. Normalerweise finde ich dieses leicht aufbrausende Verhalten von ihm ziemlich unangenehm aber diesmal war ich ihm dankbar. Ich wollte eigentlich bloß wieder nach Hause und schlafen. Schließlich geht es mir physisch gesehen blendend, also wozu weiter riskieren, dass ich mich hier im Wartezimmer bei irgendeinem anstecke? Mein Name wird aufgerufen und ich gehe gemeinsam mit meinem Vater vor in eins der Behandlungszimmer. Es dauert nur zwei Minuten, bis die Ärztin eintrifft und uns begrüßt. "Bei den Beschwerden, wegen denen Sie heute hier sind, habe ich eigentlich jemand Älteres erwartet", sagt sie mit einem leichten Lachen. Schief stimme ich mit ein und zucke mit den Schultern. "Dann legen Sie mal los." Ich fange an mit meinen Fingern rumzuspielen, während ich langsam beginne zu reden. Denn eigentlich will ich ja gar nicht hier sein. Mein Vater hat mich mehr oder weniger hier her geschliffen. "Ich habe seit ungefähr drei Wochen jeden Tag Kopfschmerzen. Ich nahm an jedem dieser Tage eine Ibuprofen 600er ein, doch jetzt bin ich an dem Punkt angekommen, an dem selbst diese nicht mehr hilft. Ich kann auf der Arbeit aber nunmal eigentlich nicht fehlen, ich muss funktionieren. Ich arbeite zu Zweit, mit der Bürovorsteherin und einzigen ausgelernten Rechtsanwaltsfachangestellten, für sieben Anwälte. Ich bin bloß eine Auszubildende. Vorher gab es noch eine mit mir aber die hat gekündigt und jetzt werden alle Aufgaben, die vorher auf Zwei aufgeteilt wurden und da schon viel waren, auf mich alleine abgewälzt. Ich bin müde und kaputt. Ich dachte ich schaffe das, aber ..." Meine Ärztin beginnt mit dem Kopf zu schütteln. "Nur eine Auszubildende?" Ich nicke als Antwort. "Und seit Wochen Kopfschmerzen? Dann kommen Sie jetzt erst?" Sie wirkt auf den ersten Blick sauer auf mich, doch den Gedanken nimmt sie mir gleich wieder weg, als sie auf mich zukommt und beginnt meinen Puls zu fühlen. "Das geht nicht", sagt sie. "Und die Tabletten vergessen Sie ab sofort auch ganz, die machen nur kränker. " Ab hier beginnt mein Vater mich zu unterstützen. Ich habe ihn mitkommen lassen, damit mir nicht unterstellt wird, dass ich bloß faul bin oder irgendwas in der Art. "Lassen Sie mich raten", beginnt sie wieder mit mir zu sprechen. "Sie stehen auf, gehen arbeiten, arbeiten auch noch länger als Sie eigentlich müssten, essen und gehen dann schlafen. Nur um das alles am nächsten Tag wieder von vorne zu beginnen." Da hat all meine Müdigkeit mich verlassen und ihn Traurigkeit umgeschlagen. Ich fange an zu weinen.
Mein Leben von einer Ärztin nochmal vor Augen geführt zu bekommen war grauenvoll in dem Moment. Ich bin derart unzufrieden damit und einfach mit den Nerven am Enden. Ich fühle mich wie ein Versager, der nicht dazu in der Lage ist erwachsen zu sein. Der nicht belastbar ist. Aber sie hat versucht mir diese Zweifel wieder weg zu nehmen, indem sie mir mit Verständnis entgegen kam. Eine Woche hat sie mich erstmal krankgeschrieben und ich darf am Freitag wiederkommen für eine weitere, wenn mir noch nicht danach ist wieder zu arbeiten. Wann habe ich mich das letzte Mal so schlecht gefühlt? Mit 16 Jahren. Ich dachte diese Zeit liegt hinter mir aber jetzt finde ich mich allmählich genau in dieser wieder. Auch wenn es mir unangenehm ist, will ich es auf meinem Blog festhalten. Ich muss etwas ändern, doch eigentlich wünsche ich mir nur, dass ich die Zeit zurückdrehen könnte. Zu meiner Bewerbungsphase zurück, um mich vor genau diesem Zustand jetzt zu bewahren. Ich will das nicht nochmal erleben. Niemals, jemals wieder.
Mittwoch, 7. März 2018
Sonntag, 4. März 2018
"Du bist eine schöne Frau geworden."
Mein kleines Grundschul-Ich steht seit gestern ein wenig kurz vor dem Durchdrehen. Mein jetziges Ich kann das aber auch sehr gut nachvollziehen, denn wann hätte sie auch nur im geringsten einmal damit gerechnet, dass ihr Schwarm sie irgendwann mal als eine "schöne Frau mit einer super positiven Ausstrahlung" bezeichnen würde? Richtig - nie im Leben! In all den vier Jahren, die ich auf der Grundschule verbracht habe, hatte ich nur Augen für ihn und ich war schon damals ganz schön eifersüchtig. Eine meiner damaligen Freundinnen fand ihn auch immer ziemlich süß und war zu meinem Missfallen nicht so schüchtern wie ich. Aber in der 4. Klasse habe auch ich mehr meinen Mut zusammen genommen, wodurch sich in meinem Tagebuch so einige Momente angesammelt haben. Darunter auch der stolze Augenblick, in dem er und ich auf dem Rückweg eines Ausfluges gemeinsam nebeneinander her gegangen sind und uns unterhalten haben. Wir mussten keine Händchen halten - was ich sehr schade fand - aber es war trotzdem ein absolutes Highlight meiner Grundschulzeit. Nicht zu vergessen auch der epische Moment, in dem ihm ein Bleistift runtergefallen ist und wir ihn gleichzeitig wieder aufheben wollten. Wie in einem romantischen Kitschfilm haben wir uns dann angesehen und gelächelt. Toll war aber auch, als die anderen aus unserer Klasse anfingen uns beide damit aufzuziehen, dass wir ineinander verliebt sein würden. Dabei habe ich wohl gekonnt ignoriert, dass das bei mir wirklich der Fall war und mich stattdessen darüber gefreut, dass es bei ihm vielleicht auch so ist. Es war schon eine süße Zeit. Deshalb finde ich es auch sehr amüsant, dass er mich nun angeschrieben und mir auch noch oben genanntes Kompliment gemacht hat. Ich schreibe mal weiter mit ihm, ist schließlich ewig her. Und zu verlieren habe ich schließlich auch nichts.
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